„Warum macht ihr das?“ „WEIL wir es kOEnnen!“

EVOLUTION UND KAUSALITAET IM SKATEBOARDING

 Wer nicht an Gott glaubt geht in den meisten Faellen, oft auch ohne es darauf anzulegen, von einer wissenschaftlichen Weltordnung aus. Heißt also: Die Welt beruht auf Naturgesetzen, nicht Gott hat uns erschaffen als er mal gerade nichts besseres zu tun hatte, sondern wir haben uns irgendwann aus den Affen entwickelt. „Evolution“ – wie es so schoen heißt. Und eben diese Evolution ist ein herrlich griffiges Beispiel fuer die Kausalitaet, an die wir wohl – die Kreationisten unter Euch moegen mir verzeihen und sich derweil auf ihre Unbelehrbarkeit berufen – auf ewig gebunden sind und die uns auch in den naechsten Generationen weiter (oder zurueck, auf jeden Fall aber) entwickeln wird. Und wie in jedem Bereich unseres Lebens koennen wir Kausalitaet (und progressive Evolution als anschauliches Beispiel) auch im Skateboarding finden. Wir kommen gar nicht daran vorbei…

BESIDES 14klein

ENTZAUBERUNG

Aktion – Reaktion. Das Eine bedingt immer das Andere. Der Butterfly-Effekt. Vielleicht sogar: Schicksal. Vorherbestimmung. Wenn man laenger darueber nachdenken moechte wird es auch schnell mal philosophisch, denn wenn man den Faden weiter spinnt, kann man am Ende unmoeglich frei sein – denn jede Entscheidung folgt aus zuvor bereits getroffenen und zuvor erlebten Geschehnissen und aus all dem was bisher auf uns eingeprasselt ist – Eltern, Lehrer, Medien, Erfahrungen. Oder es wird mitunter unromantisch, denn mit dieser Erklaerschablone ist etwas so herrlich metaphysisches wie die Liebe am Ende nur eine Bande Tango-tanzender Hormone und Chemikalien in unseren Koerpern. Selbst der Glaube an sich laesst sich auf diese Weise entzaubern, wir glauben, WEIL wir so erzogen wurden oder WEIL uns mal etwas passiert ist, was uns zu einem Glauben veranlasst – eine These sagt z.B. Jesus sei ein Fliegenpilz gewesen: Ein Haufen sowieso schon angetrunkener Juenger, vergriff sich dummerweise am falschen Pilz, Farben verschwommen, der Mond sprach zu ihnen – tja, und ploetzlich sieht es (fuer die armen verdrogten Juenger) so aus, als koennten Lahme wieder gehen, als schmecke Wasser wie Wein, als wuerde jemand leuchten und gen Himmel fliegen.

Was hat das ganze – dieses Physik-Philosophie-Gebraeu – am Ende aber mit Skateboarding zu tun? Alles. Selbstverstaendlich.

UND DANN KAM GONZ

Beginnen wir mal bei der Geschichte des Sports. Nicht ohne Grund beginnt der zeitlose, phantastische Dokumentar- und Archivfilm „FROM DEATHBOWL TO DOWNTOWN“ mit einem Darwin-Zitat. „Es ist weder die staerkste noch die intelligenteste Art, die ueberleben wird. Sondern diejenige, die sich am besten einer Veraenderung anpasst.“ Und nur mit diesem Satz, ein paar Fakten und dem herrlichen Wort WEIL laesst sich die gesamte Geschichte des Skateboardings rekonstruieren:

WEIL einmal in Kalifornien die Backyard-Pools ausgetrocknet waren (WEIL es ziemlich trocken war zu jener Zeit), kamen ein paar querdenkende Jungs auf die Idee, Skateboards mit in diese Betonschuesseln zu nehmen, um ihre Surf-Manoever zu ueben. Saketboarding, zu jener Zeit schon beinahe wieder ausgestorben und zu einer belaechelten Aktivitaet verkommen (wie heute, sagen wir „Inlineskating“), wurde somit um einiges attraktiver, bekam mehr Ecken und Kanten, wirkte aggressiver und haerter.

DESHALB wurde es nach und nach wieder populaerer, bis in den Achtzigern dann professionelle Teams beinahe ausschließlich aus Halfpipe-Fahrern bestanden. Mittlerweile sind aus den paar Vorstadtkids Lover von Madonna und Macker mit Superstarallueren geworden, absolute Rockstars. Allerdings war der Sport an sich an die Halfpipe als entsprechende Leinwand gebunden. Wirklich aktive Fahrer wurden immer seltener.

Bis schließlich irgendwann Allan Gelfand den Ollie erfand. Und – wie sagt die reizende Chloe Sevigny in „FROM DEATHBOAL TO DOWNTOWN“ so schoen – „And then, there was Freestyle“. WEIL Rodney Mullen den Ollie mit ins Flat nahm und bei der sich bietenden Gelegenheit (und WEIL er eben einer der talentiertesten und gleichzeitig verbissensten Talente und Trainierer zugleich im Skateboarding ist) gleich noch ein paar Dutzend anderer Tricks erfunden hatte, verlor Skateboarding einen großen Teil seines Professionalismus, der nicht nur erschlagend vor einem sichtbar wird wenn man eine Halfpipe lediglich anschaut, sondern natürlich noch drastischer zum Vorschein kommt, wenn man diese mal fahren moechte.

Mit Gonz kommt dann eines jener Genies auf die Buehne, die für eine Bewegung oder Idee wirken wie ein Katalysator. WEIL er eben die Symbiose aus der Schnelligkeit des Vert und den Tricks des Freestyle als einer der ersten hinbekommen hat. WEIL er den anderen prophetenhaft gezeigt hat, wie aus dem vorher flachen, hoechstens halbroehrenförmigen Untergrund an den Skateboarding gebunden war, eine Dreidimensionale Spielflaeche werden koennte. Diese Spielflaeche bearbeiten wir noch heute am liebsten.

ZUSTAENDE ERKLAEREN

In dem Film faellt auch ein Zitat von Shut-Co-Gründer Bruno Musso der gerne und auch ein bisschen erroetet betont, dass er nicht wie jemand klingen moechte, der frueher alles als besser empfand und der Ansicht ist, frueher haette man sofort zueinander gefunden „and blah blah blah“. Man hat sich gesehen und hatte sofort eine Verbindung zueinander. Darin (und in tausend anderen, sowohl Stammtisch- als auch Film- und Medienzitaten) schwingt das Urteil mit, es sei heute nicht mehr normal, sich so zu verhalten. Und beides stimmt, beides sind Tatsachen. Aber beides hat seine Gruende, die man ganz ohne Sozialromantik und Nostalgie erklaeren kann: WEIL eben früher nur eine ganz kleine Minderheit auf dem Board unterwegs war, war man automatisch eine Randgruppe. Und eine uncoole, mitunter ziemlich albern gekleidete noch dazu. Mike Mills spricht in „BEAUTIFUL LOOSERS“ davon, dass Skateboarder wie Hula-Hooper waren, und welche Maedels wollten schon gerne mit den Hula-Hoopern und YoYo Spielern rumhaengen und sich gegebenenfalls deflorieren lassen? Und waehrend also die Chicks noch als Cheerleader die Football-Mannschaft bejubelten und die ganzen coolen Jungs sich eben dort die Knochen brachen und die Chicks voegelten, blieben die HulaHooper unter sich, ausgegrenzt, uncool, alles andere als funky und hip. Was muessen die damals froh gewesen sein, jemanden mit ihrer Gesinnung kennen zu lernen? Andere Menschen mit dem gemeinsamen Nenner, Gleichgesinnte die einen nicht aufgrund der uncoolen Leidenschaft belaecheln oder ablehnen. Absolut verstaendlich und logisch – dass man sich grueßt, dass man sich aufgeschlossen, interessiert und neugierig begegnet. Logisch auch auf der anderen Seite, dass es heute nicht mehr automatisch so sein kann. Durch die Allgegenwaertigkeit von Skateboarding kann man sich vor den Menschen auf dem Brett nicht mehr retten. Jede Stadt ist voll mit ihnen. In den USA fahren mehr Kids Skateboard als Baseball spielen und hier wird es auch nicht mehr lange dauern bis jeder in seiner Sportvita auch – zumindest für ein paar Monate – Skateboarding auffuehren kann (neben Tischtennis, Leichtathlethik, Schwimmen und Koenig Fussball). Und WEIL so viele es tun, gibt es auch verhaeltnismaeßig viele Talente. Und kaum etwas ist fuer junge Heranwachsende und Kinder so verschreckend wie „der aeltere coole mit etwas Koennen“. Kein Wunder, dass sie erst fragen, wer einen sponsert bevor sie sich ein „Hallo“ herauswuergen – sie grueßen oft nicht, WEIL sie ehrfuerchtig oder eingeschuechtert daher kommen.

Auch andere Ist-Zustaende springen einem ins Auge und wollen durch logische Kausalketten erklaert werden: In jedem Kaff gibt es heute Skateparks, WEIL eine Vielzahl an Skateboardern darauf aufmerksam gemacht haben, dass Terrain benoetigt wird. Und WEIL sich zig kleine Gruppen formieren und kleine Parks und Spots selber basteln (WEIL zum Beispiel jemand wie Pontus das ganze sehr griffig veranschaulicht hat) – auch WEIL sich die Konstrukte von Rudolf und Co. Gerne mal abnutzen und an Spannung verlieren und WEIL Skateboarder nicht immer den einfachsten Weg gehen wollen.

WEIL neue Thesen immer erst auf ihre Tauglichkeit geprueft werden muessen, entstehen nach Trendumwälzungen und neuen Herangehensweisen immer erst einmal Zweifel – z.B. an engen Hosen, Trickrevivals, Fahrern mit Talent und neuen Merkmalen (Frisuren, Hosen etc.). WEIL der Mensch kritisch ist und in Gruppen nun einmal zum Spießertum neigt. Ist das erst einmal abgelegt (WEIL der Gruppenzwang sich eben gerne ueber viele Zweifel legt) begibt sich jeder gerne auf zu neuen Ufern.

MIT ERFAHRUNG MAL „MARC JOHNSON“ SPIELEN

Noch ein Beispiel aus der Moderne – oft wird der Satz von Marc Johnson zitiert und angefuehrt: “Wenn ich mir etwas vorstellen kann, dann bin ich auch in der Lage es in die Tat umzusetzen.“ Ein herrlich-griffiges Beispiel für kausale Vorgaenge und fuer jedermann anwendbar, wenn auch zugegebenermaßen nicht immer mit dem Erfolg von Johnson gekuert. Ganz gleich wie viel Talent man haben mag: Jeder der Skateboardet hat schon mindestens einmal mehrere Stunden damit verbracht einen ganz bestimmten Trick einzuueben oder an einem ganz bestimmten Spot zu stehen. Und irgend etwas geht staendig schief. Der Moment des Abpoppens fuehlt sich irgendwie nicht richtig an – vielleicht WEIL man zu wenig Kraft hat (WEIL man es schon einige Stunden erfolglos versucht oder WEIL man seine Muskeln nicht genug trainiert hat). Das Board flippt zu viel oder zu schnell (WEIL man den Flipfuß an der falschen Stelle positioniert oder WEIL man ihn zu fest durchtritt). Man traut sich nicht, aufs Board zu gehen (WEIL es sich unsicher anfuehlt oder WEIL einem ein Passant durch die Ausfahrt laeuft). Manchmal liegt es auch an der Tagesform (WEIL man zuvor einen Streit hatte, der aufs Gemuet drueckt oder WEIL man noch einen Kater vom Vortag auskurieren muss). Und manchmal meint es „das Schicksal“ nicht gut mit einem (WEIL in der Einfahrt kleine Steinchen das Abpoppen verhindern oder WEIL man sich nicht auf das Wichtige konzentrieren vermag). Fuer alle Eventualitaeten gibt es entsprechende Begruendungen, alle Wirkungen haben ihre Ursache. Wenn man den Trick dann steht, liegt der Erfolg oft auch daran, dass man ganz bewusst darauf geachtet hat, was man veraendern und verbessern musste, um das Ziel zu erreichen. Oft muss man hierbei scheinbar die Physik ueberwinden, oft jedoch nur den inneren Schweinehund austricksen, konzentrations-raubende Emotionen ausblenden und sich auf die kausalen Vorgaenge konzentrieren. Dann klappt der Trick, oft wie von Zauberhand.

EPSON scanner image

EIN RAD, DASS NIE AUFHOERT SICH ZU DREHEN

Ueberhaupt: Der Ollie. Fuer einen Außenstehenden noch heute irgendwie magisch. Dass so ein mehr oder weniger gerades Holzbrett ohne Bindung einfach so den Boden verlaesst, und scheinbar unter den Fueßen klebend wieder unter einem landet. Wenn man es dann aber erstaunten Passanten oder Anfaengern erklaert, merkt man wieder wie kausal es wirklich ist: „Also, WEIL du hier mit Schmackes auf das Tail trittst, hebt sich die Nose an. Sandkasten-Physik. Und WEIL das Griptape einen reibenden Hafteffekt hat kann man (WEIL man sowohl Timing als auch Uebung und Praezision hat) durch eine Ziehbewegung das Brett nach oben druecken. Und wenn viele Faktoren zueinander kommen – der wichtigste bleiben wohl Timing, Talent und Training – dann hebt sich das Brett und springt mit durch die Luft.“

Die Folgen davon sieht man jedoch heute noch immer. WEIL die Progressivitaet nie wirklich nachlaesst werden die Tricks haerter. Falls die Haerte der Tricks an einem oberen Level angelangt sind, werden sie auf groeßere Spots uebertragen. Sind sie dort erst einmal gestanden, wird die Sauberkeit des Tricks zu einem Faktor – Style still matters. Und wenn der haerteste Trick an dem groeßten Spot mit unverwechselbar cleanem Style vorgetragen wurde – dann kommt wieder jemand neues und macht den Trick entweder Switch oder baut irgendwo noch einen Flip ein. Stillstand gibt es nicht, es ist schon wieder wie bei der Evolutionstheorie selbst.

Trotzdem wird es wohl niemals jemanden geben, der alle moeglichen Tricks ausfuehren kann, auch wenn sie in der Theorie vorstellbar waeren. WEIL es einfach zu viele sind. WEIL auch dank TonyHawksProSkater und FullyFlared Trick-Combos immer laenger, immer komplizierter, immer ausgetrickster werden. WEIL dann immer nochmal einer kommen muss, um diese Tricks dann alle switch zu machen. Und wahrscheinlich auch, WEIL das einfach niemand anstrebt.

|Tweet Post|Email Post|Contact Me

VON REDNECKS, ROUGHEN SPOTS UND DICKEN REIFEN

SKATEBOARDING IN DER PROVINZ

LANDPANORAMA

Der perfekte Plaza, der himmlische Skatepark, der fresheste Skateshop, die tightesten Medien – das alles wird man auf dem Dorf wohl vergeblich suchen. Gerne wird jedoch uebertrieben um zu lamentieren: Man habe nichts Vernuenftiges zum Fahren, es wird auch nichts gebaut, der Boden ist so derbe im Arsch, niemand kuemmert sich um die eigenen Anliegen, man muss stets zwanzig Kilometer in die naechstgroeßere Provinzmetropole eiern, undsoweiterundsofort. Wenn man aber mal die Kritikmistgabel beiseite legt, den Dreck von den Gummistiefelsneakern abschlaegt und mal ueber den Rand vom eigenen Bauernhof hinweg schaut, wird man ueberraschende Dinge feststellen. Eine gebrochene Lanze für die unterschaetzte Provinz.

FUNDAMENTE

Skateboarding ist und bleibt hauptsaechlich urban, da sind wir uns wahrscheinlich ziemlich einig. Skateboarding ist aber auch oft abhaengig von den gegebenen Spots, der Architektur, der Beschaffenheit der Bebauung von Flaechen. Und die ist nicht immer gleich phantastisch und skatekompatibel, wenn man in der Stadt unterwegs ist. Dresden zum Beispiel kann man wohl als Metropole bezeichnen. Elbflorenz besteht allerdings zum großen Teil aus Kopfsteinpflaster. Phaenomenal fuer’s Auge und fuer Touristen, ziemlich nachteilig für Rollbrettaktivisten. Natürlich haben auch die Dresdener ihre Spots, zu einem guten Teil sind das aber professionell gegossene Rampen vom Rudolph oder die selbst gebauten Gheddo-Spots. Feierabend. Soviel zur Urbanitaet. Dresden soll jetzt aber nicht über alle Maßen für seine Architektur gehatet werden – eine herrliche Stadt mit noch herrlicheren Menschen – aber sie passt hervorragend in einen Vergleich mit kleinen Doerfern und Provinznestern.

Man nehme Naumburg zum Beispiel. Nicht den Ort an der Saale sondern eine kleine katholische Enklave in Nordhessen, knapp zweitausend Einwohner, direkt an der deutschen Maerchenstraße der Gebrueder Grimm, viel Fachwerk, noch mehr Mistgabeln und alterslose Frauen in Bluemchenkleidern die scheinbar von Morgens bis Abends beladene Schubkarren vor sich her manoevrieren. Klingt nicht wie ein Skatemekka? Würde ich wohl auch denken.

Ich bin hier mittelgroß geworden und konnte es natuerlich nicht erwarten, hier weg zu kommen – knapp zehn Jahre ist das jetzt her. Diese habe ich in Staedten verbracht, Kassel, Hamburg, Berlin. Was da so geht muss man keinem mehr erklaeren. Ohne Ende Spots, intakte Szenen, Medien, Vereine, Hallen, alles und viel mehr. Es ergab sich aber vor kurzem, dass ich für einige Wochen mal wieder in die alte Heimat gezogen bin. Da ich nicht jogge und die Feldwege und Straßen hier zu einem großen Teil ganz gut in Schuss sind, drehe ich gerne Abends eine kleine Runde mit dem Board. Was man da so bemerkt – wenn man dafuer offen ist – war eine Offenbarung.

REALS STREET 2

ACHTUNG, TREKKER!

Fangen wir mal kitschig an: Der Himmel ist so unglaublich weit und groß! Das vergisst man gerne mal, wenn man zwischen Haeuserschluchten lebt, arbeitet, skatet, feiert. Faellt einem das erst wieder auf, kann man ploetzlich tiefer durchatmen, steht voll im Saft, HARTGAS! ist die Ansage. Das macht man dann auch. Nun ist es etwas wunderschoenes zwischen verwirrten Autofahrern und Passanten hindurch zu pushen, Ollie hier, Slappy dort. Aber: Die Straßen und Wege auf dem Land gehoeren Dir! Dir ganz alleine! Hast Du noch das Glueck in Mittelgebirgen zu leben wird das ganze ziemlich halsbrecherisch und adrenalingeschwaengert. Hin und wieder muss man auf verwirrte Maehdrescherfahrer und Jauchefasstrekker aufpassen, manchmal ist auch ein Ruesselsheimer mit Tribal und Breitreifen am Start – stellt sich die Frage, wer verwirrter schaut: Er, weil er jemanden auf „so ‘nem Holzbrett“ sieht, oder man selbst, weil man es nicht mehr fuer moeglich gehalten hat, dass sich solche „Frisuren“ aus den Neunzigern gerettet haben. Die sperrig gesaeten Begegnungen haben jedenfalls Potenzial fuer Erheiterung – beidseitig. Das letzte Wort teilen sich beide Parteien: Der retardierte Autoproll laesst seinen Kleinstwagen aufheulen, man selbst poppt einen satten Ollie mit Schmackes. Beides muss wohl gegenseitig verwirren. Weiter geht’s schnurstracks Bergab!

PERFEKTE FLATRAILS

HANDYCAPSPOTS? NICHT NUR IN NEW YORK, HOMIE!

Hier soll aber nicht bloß Werbung gemacht werden fuer eine Art Trimm-Dich Pfad fuer Cruiser und Longboardfetischisten. Wir haben uns nun warm gefahren und begeben uns zu den Spots.

Neuerdings ist es sehr in Mode, die Footage so New Yorkig wie moeglich aussehen zu lassen. Schoen per Instagramm gegrainte Footy mit dem I-Phone und alles sieht so schoen retro und streetmaeßig aus. Laecherlich? Auf jeden Fall recht unauthentisch, sehr oft auch albern. Meistens aber auch: Ueber alle Maßen ueberfluessig. Wer roughe Spots mit kleinen Handycaps sucht muss nicht erst sein Gepaeck am JFK abholen. Guenstiger, schneller und – das ist eine Garantie! – einzigartiger geht’s in der Provinz.

Na klar, den Plaza sucht man vergeblich. Oft kann auch nur der oertliche Grundschulhof herhalten, wenn man mal laenger als eine halbe Stunde irgendwo verweilen moechte – aber wer sich auf Film- und Foto-Missions befindet, dem sei mal ein Regioticket empfohlen. Das, und ein gutes paar offener Augen. Die reinsten jungfraeulichen Kleinode warten auf Entdecker und wagemutige Knallbrettler. Die wenigsten Ecken und Winkel sind perfekt oder auch nur sehr gut in Form. Aber wer so etwas sucht, der kann ja in die naechste Halle fahren. Und nebenbei bemerkt: Ist das nicht genau der aktuelle Fetisch? Die Cracks im Boden? Die roughe Anfahrt? Die etwas zu steile Bank? All die kleinen Maekel, mit denen man sich dann hinterher so gerne bruestet? Come to where the Unperfekt Spot is – Come to Guelle -Country!

SCHULHOF

„SO EINEN WIE DICH HAETTEN SIE FRUEHER VERGAST!“

No Shit. Das hoert man dann auch schon mal mitunter aus dem naechstbesten Hauseingang bruellen. Man sollte sich auch nicht wundern, wenn der Aggressor zudem eine Mistgabel schwenkt (bei der Schrotflinte wird es dann jedoch kritisch). Man sollte sich davon allerdings nicht einschuechtern lassen. Der hat nur selber Angst. So ist das in der Provinz: Was der Bauer nicht kennt, schmeckt ihm nicht – davon berichtet ja schon der gute alte Volksmund. Und baertige Jungspunde, die sich freiwillig und oft sehr laut und schmerzhaft irgendwelche Abgruende mit so „’nem Holzbrett“ und in „Aeppelklauhosen“ runter schmeißen, geben wir es zu: Fuer den ein oder anderen Hinterwaeldler mag das neu und unbekannt sein. Die regen sich kurz auf, bellen und knurren ein bisschen, sind oft aber auch recht empfaenglich fuer kleine Vorfuehrungen, Erklaerungen, oder, ganz zur Not: Bierbestechungen. Immerhin besser als eine angeheuerte Sicherheitsfirma, oder die Polizei – in der Regel gibt es weder das eine, noch das andere auf dem Dorf. Und falls der Freund und Helfer doch mal auftaucht, lassen sie in den meisten Faellen mit sich reden. Den Dorfbulle kennt schließlich immer irgendjemand aus der Crew oder, auch das ist auf dem Land oft eher die Regel als die Ausnahme, ist sogar mit ihm verwandt.

TRANSFER

„ACH, BIST DU NICHT SCHNEIDER’S IHRER?“

„Na klaro. Ich komme von hier.“ Das vergisst man ganz schnell auch mal wieder: Woher man kommt. Obwohl Skateboarding seine Epizentren in Staedten hat, obwohl dort der alltaeglich Push- und Ollie – Sound von den viel befahrenen Straßen nicht mehr weg zu denken ist: Die meisten Skateboarder werden wohl aus irgendwelchen Doerfern und Provinznestern kommen. Hier soll keinem Staedter die Roots streitig gemacht werden – aber die meisten haben lange Zeit gewartet und gelechzt bis sie in der Stadt angekommen sind, in der sie heute leben, arbeiten, studieren, skaten. Und wenn man mal ehrlich ist: Hat es einem geschadet? Skatend auf dem Dorf aufzuwachsen ist wohl wie im Winter den Fuehrerschein zu machen: So leicht erschuettern kann einen da meistens nichts mehr. Und wenn man heuer, nach Jahren der Praxis an bekannten Spots, in dicken Parks und auf langen Trips zurueck in die Heimat kommt, ist man erstaunt wie sich der gute alte Kantstein von damals fahren laesst. Wie hardcore der Downhill bei der alten Schule wohl damals schon gewesen sein muss, wie man sich gefreut hat als man die heutigen Basics an den schrottigsten Nicht- und Beinahespots gelernt und gestemmt hat.

Verleumde nicht deine Herkunft. Du kannst nichts dafuer – und meistens ist es auch gescheiter, nichts dagegen zu haben.

STUFEN KOMBO MIT GAP

ZWISCHEN DOERFERN SIND NICHT WELTEN SONDERN WIESEN.

Und du hast die Faxen dicke von der Handvoll Spots in deinem Nest? Du kannst den Kantstein nicht mehr sehen und der Aggro macht mit seiner Gaskammerdrohung auch langsam ernst? Schwing’ dich aufs Rad, auf den Zweitakter oder Papis Trekker und fahr’ ins naechste Dorf. Merke: Die Zeit die man für eine Reise zwischen zwei kleinen Nestern benoetigt ist nicht zwingend laenger als mit der Bahn von Kreuzberg nach Friedrichshain oder von Harburg bis nach Altona. War nicht im Nachbarkaff der alte, legendaere Kirchplatz, an dem man zum ersten mal einen Bluntslide weitergefahren hat? Oder das fette Treppenset mit der Waschbetonplatte in der Ausfahrt? Haben die dort nicht in den vergangenen zehn Jahren ein schniekes Neubaugebiet aus dem Boden gestampft? Wird es nicht Zeit, sich dieses mal genauer anzusehen?

Geht jeden moeglichen Umweg, und lasst auch die unmoeglichen nicht links liegen. Irgendwo werdet ihr Bausuenden finden, ueber die sich der Nachbar des Verantwortlichen seit Jahren beschwert – und die gleichzeitig perfekt ist, damit ihr endlich den Wallride mal frontside an die Wand haemmern koennt.

PROVINZ

DIE EIGENE VISION VON SKATEBOARDING.

Die hat wohl jeder. Die meisten kommen damit in Beruehrung durch die Medien und in den Medien sieht man oft: Kalifornien, Barcelona, Paris, New York. Sonne, Strand und Metropolen. Das ist auch gut so. Urbanitaet heißt meistens auch Progressivitaet. Allerdings ist beides oft tausende Kilometer entfernt und man selbst – genau – steht trotzdem auf dem Skateboard, pusht zwischen Misthaufen hindurch und springt die Dreierstufen vorm Dorfgemeinschaftshaus. Auch das ist Skateboarding.

EPSON scanner image

|Tweet Post|Email Post|Contact Me
L I N K S !   L I N K S !   L I N K S !