7. GESELLIGKEIT – WENN NICHTS MEHR GEHT, GEHT MAN TRINKEN.

NEURUPPIN

Jeden Tag versuche ich, Kontakt zu einigen Menschen aufzunehmen, die mir unterwegs begegnen. Mit offenem Blick suche ich ihre Augen und sobald ein Blickkontakt hergestellt ist, grüße ich freundlich. Ich bin generell verschlossener meiner Umwelt gegenüber eingestellt, wenn ich in einer Gruppe reise, gemeinsam mit Menschen unter denen ein stetiger Austausch stattfindet. Nun, alleine, suche ich die Bekanntschaften. Auch, um besser sagen zu können, mit was für Menschen man sich dieses Land teilt, was für eine Mentalität sich hier finden lässt. In der Regel fahre und gehe ich damit ganz gut. Traurig nur: Beinahe ausnahmslos bin ich derjenige, der zuerst grüßt. Mürrische Männer, verständnisvolle Frauen – das ist der Normalfall. Die Männer unterteilen sich dabei in zwei sehr unterschiedliche Kategorien.
Die einen freuen sich wirklich, einen Wanderer in Bergstiefeln, mit großem Rucksack und strammem Schritt zu sehen. Sie grinsen, winken, antworten laut und freudig auf meinen Gruß und sind zudem diejenigen, die sich auch mal trauen, mir Fragen zu stellen, mich anhalten und in kurze Gespräche verwickeln. Ich genieße jedes einzelne davon und bin dankbar um jeden menschlichen Kontakt.


Der ältere Herr aus Schwerin beispielsweise ruft mich eine Woche nachzitat_13unserem Treffen an. Ich raste gerade auf einer Bank am Wegesrand als mein Telefon mir eine unbekannte Nummer anzeigt. Ich denke an alle möglichen Stressfaktoren in Berlin, ein WG-Bewerber, irgendwelche Jobs, mein Steuerberater, Fragen aus einer anderen Welt. Ich nehme dennoch ab und Herr L. fragt, ob ich noch in Schwerin bin. Er möchte mich nach Bulgarien einladen. Eine gute Stunde reden wir, redet vielmehr er auf mich ein, über Karl May, über Balkan-Routen, Sankt Petersburg, über die Möglichkeiten Fotos an Lokalzeitungen zu verkaufen, ob wir nicht gemeinsam einen Reisebericht schreiben können. Ich bin begeistert. Nicht konkret von dem, was er vorschlägt, sondern eher begeistert von seiner jugendlichen Begeisterung. Der neugierige alte Mann, der offen ist für neue Wege und Bekanntschaften. Er wird dadurch zu einem Exoten in diesem ansonsten eher unterkühlten, verschlossenen Land.
Die anderen schauen vielmehr ängstlich, erschrocken, mürrisch und grüßen dabei nicht selten überhaupt nicht zurück. Wer nicht reagiert erntet meine Missachtung, wird nicht respektiert, hört auch mal ein „musst ja nicht“ wenn ich an ihnen vorbei gehe. Nimm’ diese Ausstrahlung bitte mit nach Hause und schau dort fern, Väterchen. Verschwinde von der Straße, deren Atmosphäre du vergiftest. Das denke ich dann und versuche dennoch, mich nicht verbittern zu lassen.
Laufe ich dennoch einmal mit solchen Gedanken durch die Straßen, hilft mir wenig außer der Aussicht auf eine Flucht am folgenden Tag oder sozialem Schmiermittel am Abend und der daran geknüpften Zuversicht, beim Trinken „normale“ Menschen kennen zu lernen. Normal sind diejenigen, die ein „Hallo“ oder ein „’n Abend“ noch mit einem „Tach“ oder einem Nicken beantworten. Menschen die den gemeinsamen Nenner im Pils finden, in den geteilten Zigaretten vor der Tür, den Zoten über die Frau zu Hause – sofern sie eine haben, den Chef da oben – sofern sie einen haben, oder die Hobbies neben dem Trinken – sofern sie welche haben. Ich finde diesen kleinen Haufen normaler Menschen in der einzigen Spelunke, die in Neuruppin geöffnet hat.
Auf der Suche nach dieser Kneipe treffe ich auf einen Mann, der sehr viel Ähnlichkeit mit Fips Asmussen hat. Er ist auf seine Fensterbank im Erdgeschoss gelehnt, streichelt eine Katze und trägt Fußballhosenträger, die mich ihn fragen lassen, ob er mir eine Fußballkneipe empfehlen kann. Seine Antwort, wortwörtlich: „Näää, alle zu… Nääää, eine jibt’s noch, da hoch, linke Seite, rechte Seite, weeste, hörste schon…“ Ich muss natürlich lachen und gehe auf gut Glück und Pech einfach so weiter. Linke Seite, rechte Seite, irgendwo wird schon etwas sein. Ich finde die Kneipe dann am anderen Ende des beschriebenen Weges. Dort dann: Sechs Männer am Tresen, „’n Abend!“ meinerseits, „Tach!“, „Hallo!“, ihrerseits, geht doch. Es dauert eine Weile bis ich vom Ober mit der schicken Fliege ernst genommen werde und bestellen darf. Ich muss sowieso noch etwas warten, bis ein Platz mit Blick auf den Fernseher frei wird, also sitze ich erst einmal am Rand, mache meine Notizen, höre mit einem Ohr den Gesprächen am Tresen zu und mag sehr, was ich dort höre. Es ist unglaublich zotig und ordinär, was die Herren hier verzapfen, die Blicke schon schief und trübe, als ich um kurz vor acht die Kneipe betreten habe. Man ist hier in einer der unteren Schubladen, aber in dieser liegt man irgendwie ganz oben. Die Scheiß-Chefs da oben, die Olle da unten, das Pils da vorne, „machste mir noch eens“, und noch eens und noch eens. Der erste und jüngste von ihnen geht, nunja, er wankt um acht Uhr nach Hause. Ich lege meine Jacke auf seinen Platz und gehe nochmal vor die Tür um eine zu rauchen und der junge Mann vom Tresen fällt in diesem Augenblick vor der Kneipe von seinem Fahrrad auf den Asphalt – im Stehen. Auf dem Boden liegend fragt er mich panisch nach hinten deutend: „Sind das da die Bullen?“ Zu langsam kann ich sein Genuschel verwerten, da ist das Auto auch schon vorbei gefahren. Es waren nicht die Bullen. Mittlerweile steht er auch schon wieder, obwohl es mehr eine Art Hula-Hoop-Tanz ohne Reifen ist, den er unfreiwillig vor mir aufführt. Wenn der mal heile ankommt, denke ich mir und wende mich mit dieser Sorge an die anderen Männer in der Kneipe. „Euer Kollege macht aber keinen soliden Eindruck“ sage ich und höre sofort intimste Details. „Kein Kollege, eher ein Ziehsohn! Durchgefüttert habbich den!“ Plötzlich unangekündigte feuchte Augen und nachdenklicher Blick beim Redner. Machste noch eens? Klaro!
Fast alle am Tresen sind ehemalige Knackis. „Magste dich setzen, Kalle?“ „Ich hab’ fünf Jahre gesessen, dit reichtmer!“ „Bei mir waren’s zehn!“ kommt aus dem Off. Speditionen, Taxen, „’n büschen Schmuggel, wat willste sonst machen hier?“ Fußball mit den Panzerknackern – ich schaue zuversichtlich einem unterhaltsamen Abend entgegen.


zitat_14Dortmund spielt gegen Liverpool, „You’ll never walk alone“ wird gesungen, minutenlang. Es fühlt sich an wie Stunden. Ich schaue sehr gebannt auf den Fernseher, Emotionalität des Songs, Ironie des Titels, BVB, Liverpool, Klopp, Südtribüne und, nunja, Neuruppin. „Biste Dortmund-Fan? Sieht man!“ sagt mein Sitznachbar. Er sagt viel, zu mir, zu sich, zu allen anderen. Ich werde draußen vor ihm gewarnt, ich solle ihm nicht widersprechen, heißt es. Wem sollte ich hier schon widersprechen? Wozu soll das gut sein? Außerdem: Hier ist Atmosphäre! Es ist kein gesundes Leben, das hier gelebt wird, aber es ist lebendig und wahrhaftig und deshalb hätte ich nichts dagegen wenn dieses Spiel, dieser Abend, dieses entsetzlich retardierte Gequatsche mit diesen herrlich ironiebefreiten WhatYouSeeIsWhatYouGet-Menschen niemals enden würde. Machste mir ooch noch eens? Danke!
Ein zierlicher, sehr alter Mann mit tiefen Falten und dicker Wollmütze betritt die Szenerie, er muss bereits mit dem Mechanismus der an sich recht simpel zu meisternden Eingangstür kämpfen. Die vielen Jahre im Gefängnis haben ihn etwas gestaucht, er geht stark gekrümmt und ist arg am wanken. Breites Hallo. Jedem in der Kneipe, mich mit eingeschlossen wird zur Begrüßung die Hand gegeben, alte Schule. In der folgenden Stunde vollbringt er das Kunststück, das Fußballspiel durchgängig und irgendwie ziemlich treffend zu kommentieren. Er moderiert es zwischenzeitlich für uns alle, den Kommentator aus dem Fernseher bei weitem übertreffend in Lautstärke, Pointendichte, Emotionalität. Es sind die üblichen Stammtischfußballsprüche und -weisheiten: Hätteste mal, hätte ich viel besser, nänänä, hörmirauf. Allein: Er sitzt im toten Winkel des Fernsehers in meinem Rücken und sieht sich eigentlich die Partie am Glücksspielautomaten an. Ich kann es nicht fassen, als ich mich umdrehe und seinen Blick auf den Automaten sehe, während er Pässe kommentiert, die allerhöchstens vor dem inneren Auge seiner Erinnerung oder Phantasie gespielt werden.
Ich habe Durst und trinke schnell und viel und dabei trinke ich am langsamsten und am wenigsten von allen an der Theke. Bei gemeinsamen Raucherpausen geht es draußen auch mal um Europa. „So eine Scheiße! Die Mark muss zurück, wenn Du mich fragst!“ „Meinste nicht“ frage ich, nun unterwegs als Professor Doktor Schlauschlau „dass das vielleicht eine der besten Ideen ist, die die Menschheit jemals hatte? Da haut man sich hunderte Jahre auf die Fresse und beschließt nach dem schlimmsten Weltenbrand, es gemeinsam zu versuchen?“ „Mir hat’s vorher besser jefallen…!“ bekomme ich als Antwort und muss das dann auch so hinnehmen. Jetzt muss jemand wieder schnell die Stimmung glatt bügeln. Dafür braucht es nicht lange: „Wat’ anderes, du warst jestern so besoffen, du hast sogar deine Freundin jefragt ob sie noch Single ist! Machste noch ‘ne Runde?“


Ein Mensch ist dabei, der bei aller Schräglage sämtlicher vertretenerzitat_15Charaktere noch einmal aus der Rolle fällt. Als er den Laden betritt und die ersten drei wirklich saublöden Sprüche hört, muss er raus und eine Frustzigarette rauchen. Unsere Blicke treffen und verstehen sich. Er ist in jeder Hinsicht anders gekleidet, trägt Anzeichen von linker Subkultur am Leib, dreht sich die Zigaretten selber, hat Tätowierungen ohne Anspielungen an Stärke, Stolz, Nation und dergleichen. Ich mag ihn auf den ersten Blick sehr gerne leiden. Wir reden über Motive, ich hier in Neuruppin am Fußballschauen, wie kommt es denn dazu? Lachen muss er, nicken muss er, Anerkennung hat er. Das gibt zwischenmenschlichen Rückenwind. Ich bin nun einer von diesen Barflys, fühle mich integriert, als hätten wir unser halbes Leben gemeinsam gezecht. Vergessen das anfängliche Abtasten, kein Blatt wird mehr vor die müffelnden Münder genommen. „Schwuchtel!“ schreit einer von ihnen immer wieder, bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Er meint seine Kumpels, er meint die Fußballer und den Schiedsrichter im Fernsehen, den Wirt, mich. Manch einer rollt seinen Pessimismusteppich in der ganzen Kneipe aus, kein Winkel bleibt dann unbedeckt. Immer wieder ist von Angst die Rede, Dortmunds Angst bei diesem Pass und jenem Schuss, die Angst in den Augen oder wie ängstlich Tuchel da am Spielfeldrand steht. Irgendwann platzt es aus mir heraus, der Dortmund-Fan in mir kann nicht mehr ruhig bleiben: „Was habt ihr denn ständig mit eurer Angst? Wiese denn Angst? Vor wem? Dortmund hat seit siebzehn Spielen nicht mehr verloren, die haben eine Brust von hier bis Liverpool, die haben alles außer Angst, die putzen die noch mit 3:1 weg!“ Ich blicke in ungläubige Augen. Jaja, wird genuschelt, auf den Boden geschaut, oder, zaghaft nickend, in meine Augen. Ich habe mich weit aus dem Fenster gelehnt mit dieser Ansprache und damit Fallhöhe zugelassen und Angriffsfläche zur Verfügung gestellt. Niemand widerspricht, es liegt eher ein: „Naja, vielleicht hat er ja recht“ in der Luft. Ich bin jetzt und für heute Abend einer von ihnen. Die Willkommenskultur in der Kneipe funktioniert einwandfrei, man muss sich nur auf sie einlassen und manch einen blöden Spruch hinunterschlucken oder aber selber austeilen.
Plötzlich dann etwas ganz anderes: Ein Mann mit Aktentasche und bodenlangem Mantel betritt die Kneipe. Er sagt sehr leise „’n Abend!“ ohne irgendjemanden anzuschauen. Bürstenhaarschnitt, Krawatte, crémefarbener Anzug, offenkundig ein Wessi. Er regelt schnell dieses und jenes mit dem Wirt hinter dem Tresen, leise und diskret und ruckizucki ist er auch schon wieder verschwunden. Er ist der Eigentümer des Lokals und scheint sich körpersprachlich für einiges zu schämen. Die Atmosphäre hier, die nicht seine ist? Seine Kleidung, die nicht unsere ist? Seine Attitüde, die eigentlich überhaupt keine ist? Sieht man diesen Mann und seinen schnellen Schritt, mit dem er hurtig wieder von dannen zieht, vielleicht zurück in den Westen, vielleicht in seine anderen Lokale und Gaststätten, dann kann man die Abneigung der Ostdeutschen „den Wessis“ gegenüber nachvollziehen. Geld verdienen kann er mit ihnen, aber in die Augen schauen beim Begrüßen, das ist dann doch eine Spur zu forsch für den Mann mit dem Aktenkoffer.
Noch ‘ne Runde, noch ‘ne Kippe. Sprüche gegen die GEZ, gegen die da oben, gegen Mütter und Chefs und gegeneinander. Dann wieder großes Gelächter. Aufruhr und Verbrüderung im Minutentakt. Das Spiel geht eins zu eins aus. Schöngetrunkene Stimmung in allen Gesichtern. Mein Nachbar tippt mich an, „da haste aber Glück jehabt, sonst ist hier eigentlich immer langweilig!“
Das Highlight für die Kneipentiere besteht aus dem sporadischen Auftauchen einer jungen Frau, die vier, fünf, vielleicht sechsmal den Spießrutenlauf durch diese Tresenarchetypen antreten muss. Sie liefert etwas an und erntet dafür Sprüche, Blicke, Schulterklopfer und -grabscher. Sie tut mir leid, obwohl ich sie nicht verstehe, denn nach den obligatorischen Sprüchen und ausziehenden Blicken setzt sie sich an einen der Tische und beobachtet die Partie am Glücksspielautomat als wäre es eine Castingshow oder ein Sportereignis. Sonst ist hier eigentlich immer langweilig. Darauf noch ein kleines, endlich kann ich den vorbildlichen Provinzreisenden Moritz von Uslar zitieren, denn „so ein Nulldreier, das geht eigentlich immer!“
Ich werde von jedem verabschiedet, es gibt Klopfer auf die Schultern, Blicke in die Augen, aufrichtige Wünsche für den Rest der Reise. Ich wanke zurück zu meiner Pension, fühle mich wie ein Mensch und bin diesen Herren sehr dankbar für den Abend.

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