8 HALLELUJA, BERLIN!

NEURUPPIN – BERLIN

Der nächste Morgen: Blümeranz. Stechenden Schmerzen in meinem Knie, noch bevor ich mit den Füßen den Boden betrete. Habe ich gestern Abend noch gehofft und gebangt, muss ich mir heute eingestehen, dass nichts mehr geht, am wenigsten ich in Richtung Oranienburg. Mit einem faden Frühstück im Magen und dem tobenden „Moro Moro Land“ von Lightning Bolt auf dem Ohr, wanke ich zum Bahnhof, an dem sich kein Fahrkartenautomaten finden lässt, sondern lediglich eine sehr gereizte Dame, die eigentlich für die Touristeninformation zuständig ist.

RB in Richtung Berlin. Riesige Fenster an denen die Welt vorüber zieht, Wiesen, Kühe, Wolken, Bäume, Greifvögel. Dann, deutlich sichtbar: Berlin. Halleluja, Berlin! Ich steige in Spandau aus und nehme grinsend die U-Bahn bis Kreuzberg. Es fühlt sich nicht nach einem Niederschlag an, sondern nach einer sehr süßen Heimkehr, als ich in der Gneisenaustraße aus dem U-Bahnhof nach draußen humple.
Da ich mein Zimmer untervermietet habe, schlafe ich auf dem Sofa im Wohnzimmer meiner Wohngemeinschaft. Ich verzichte auf Annehmlichkeiten wie Wäsche waschen oder Kleider tauschen, die ohne eine vorgezogene Heimkehr auch nicht auf dem Plan gestanden hätten. Mein Knie lasse ich von einem befreundeten Physiotherapeuten begutachten und verschreibe mir etwas Ruhe, an die ich mich nicht wirklich halten kann.


zitat_16Am folgenden Samstag laufe ich ca. zwanzig Kilometer durch Berlin. Es ist einer der ersten sonnigen Tage, jeder und seine Mutter ist draußen unterwegs. Ich springe leichtfüßig ohne das drückende Gepäck von einem hippen Platz zum nächsten; Tempelhofer Freiheit, Schillerkiez, Pannierstraße, Markt am Maybachufer, Wrangelkiez. Natürlich, hier kann man schon mal Leuten begegnen, die man kennt. Ich treffe zufällig sechs Menschen, die mir alle sehr lieb sind, niemand weiß, dass ich zurück bin und so gibt es mehrfach ein großes Hallo und ich komme aus dem Grinsen und der Freude über diesen wunderbaren, gleichzeitig über- und unterschätzten Ort nicht mehr heraus. Ich möchte alle umarmen, jedem sagen wie dankbar ich bin für diese Egaligkeit in der Luft, diesen Fluss an Leben und leben lassen, diesen Stilnihilismus, diesen Sex-Appeal und die unverkennbare Erotik in der Luft.


Ich bleibe drei Tage in der Stadt, genieße jede Sekunde und freue mich doch auch auf das Weitergehen. Das schlimmste wäre nun tatsächlich, wenn das Knie nicht gesund werden würde, wenn es zwei, drei Wochen Ruhe und Schonzeit benötigte, bis es wieder belastbar ist.

Am Dienstag Morgen geht meine Reise weiter. Selbstverständlich wird den Abend zuvor noch ausgegangen – wer ann schon sagen, wann man sich das nächste mal sehen wird – und so kann ich am Morgen der Abreise nur sehr wenig Konkretes über das tatsächliche Empfinden und die Belastbarkeitsgrenze meines Körpers sagen, denn ich fühle mich ohnehin alles andere als funky. Ich nehme einfach einen Zug bis nach Zossen und hoffe, dass ich funktionieren werde.

langer_marsch_lr-27-von-169