“…sonst ist hier eigentlich imma langweilig!”

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Wenn der Mensch pilgert dann sucht er meistens eine Erkenntnis über sich selbst. Woher komme ich, wichtiger noch: Wohin gehe ich. Ich bin nun sechs Wochen lang durch den Osten Deutschlands gewandert, gepilgert, fluchend oder singend gehopst und gehumpelt. Die Frage war nur sehr selten: Wohin gehe ich? Da wäre die Antwort nämlich, Zeit und Raum vorausgesetzt, sehr simpel: Immer geradeaus, von Impulsen leiten lassen, von der Neugier angetrieben. Die Frage war: Wohin geht’s mit dir, Deutschland?

Ich mag dieses Land. Sehr sogar. Ich mag es, ständig irgendwelche Nörgler zu treffen, die wenig davon wissen, wie gut wir es hier haben. Manifestieren tut sich dies im Wort “muss”. Und, geht’s gut? Ja, muss ja. Nein, Kollege, hier muss nichts, aber hier darf fast alles.

Es wird Geld verdient wie eh und je, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung oder zumindest die Einigung darauf in der Theorie, Aufgeklärtheit, Liberalität, immerwährende Aufarbeitung der eigenen, sehr, sehr düsteren Vergangenheit, dazu gemäßgtes Wetter, keine Seuchen, keine Naturkatastrophen, trinkbares Leitungswasser, funktionierende Infrastruktur. Die Stolz-Keule muss hier niemand schwingen, ich will dies auch nicht, aber dankbar bin ich für einiges, was wir hier haben. Das Land verhält sich, so war stets mein Eindruck, freundschaftlich mir gegenüber. Ist es also ein Freund? Und wenn ja, welcher Freund hat sich so etwas wie PEGIDA ausgedacht? Welcher Freund jagt in Mob-Gestalt andere Menschen durch die Straßen? Welcher Freund bastelt sich Zeitgenossen wie Lutz Bachmann und Frauke Petry?

In letzter Zeit haben gebrüllte Sorgen Hochkonjunktur – in einem Land, dessen Bewohnern es auf dem Papier besser geht als fast allen allen anderen Menschen auf der Welt, jemals. Wenn sich also so viele Sorgen gemacht werden um ein Land, dass mir generell sehr am Herzen liegt, dann mache auch ich mich los, besorgt, beherzt, neugierig, mit Notizblock und Kamera. Soviel vorab: Es ist ein ambivalentes Land, man mag es in den Arm nehmen und ihm vor die Füße spucken, einen mit ihm trinken gehen oder einfach mal ‘ne Watschen verteilen. Und manchmal ist es auch einfach nur langweilig und ruhig, und das ist dann auch gut so.

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